Präsidentenwahl DFB

Der DFB muss endlich Praktiker einbeziehen

Funktionäre, die seit zwanzig Jahren an ihren Sesseln kleben, werden nicht die nötigen Reformen beim DFB einleiten. Wie wäre es stattdessen, wenn man Leuten von der Basis diese Verantwortung überträgt? Von GERD THOMAS

Es brennt im deutschen Amateurfußball, die Pandemie legt die Probleme noch deutlicher offen. Für die Vereine wird es immer schwieriger, Coaches für den Kinderfußball oder gar Jugendleiterinnen zu finden. Zu anspruchsvoll sind inzwischen Regeln, Verwaltung und nicht zuletzt die Eltern. Den Schiedsrichtern geht in einigen Regionen viel Personal abhanden, in unteren Ligen werden oft keine Unparteiischen mehr angesetzt. Dramatisch ist die Entwicklung beim Mädchenfußball. Selbst in Ballungsräumen wird es für viele Vereine immer schwieriger, Spielerinnen zu gewinnen. Auch das leidige Thema Investoren macht vor dem Breitenfußball nicht halt und verzerrt vielerorts den Wettbewerb.

Doch die höchsten Funktionäre unseres Sports sind gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Es gilt, die DFB-Spitze neu zu besetzen. Im März 2022 soll ein Präsident gewählt werden, vielleicht sogar eine Doppelspitze. Wer weiß, was die Landesfürsten in ihren Zirkeln aushecken?

Den Vereinen an der Basis hilft die intransparente Hinterzimmerpolitik nichts. Das Magazin 11Freunde hat gerade mehrere Aktivisten aus der Amateurszene, darunter drei Kolumnisten der HARTPLATZHELDEN, Raum gegeben, ihre Probleme zu schildern. Die Sport Bild widmete sich auf einer Doppelseite dem TV-Grundlagenvertrag. Den Vereinen an der Basis werden durch die ausgehandelte Deckelung der DFL-Zahlungen an die Amateure Jahr für Jahr viele Millionen Euro vorenthalten. Immerhin, der Präsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbands Hermann Winkler solidarisiert sich, was man von anderen DFB-Granden noch nicht vernommen hat. Rainer Koch mahnt bei jeder Gelegenheit, die Einheit der Amateure nicht aufs Spiel zu setzen.

Doch bestimmt Koch alleine die Regeln des Spiels? Gern verweist er darauf, dass der DFB gar kein Geld an die Vereine auszahlen dürfe. Mal davon abgesehen, dass es hierzu unterschiedliche Lesarten gibt – den Vereinen ist es egal, ob das Geld von den Landesverbänden oder direkt vom DFB kommt. Sie könnten es gut brauchen. Das System Ehrenamt stößt an Grenzen. Wobei zwischen Stadt und Land es erhebliche Diskrepanzen existieren. In Berlin führen nach fast eineinhalb Jahren Pandemie die meisten Vereine Wartelisten für Kinder und Jugendliche. Es fehlen Plätze, Trainerinnen und Trainer. Zumal die vorhandenen es nicht gerade leichter als vor Corona haben, denn viele ihrer Schützlinge sind unausgeglichener. Der Amateursport kann die gesellschaftlichen Probleme nicht mehr auffangen.

Es bräuchte dringend neue Diskussionen und Konzepte. Die Leute aus den Verbänden müssten mehr zuhören und die Vertreter der Amateurvereine ernst nehmen. Diese Fähigkeit wäre ein wichtiges Kriterium für künftige Menschen an der Spitze.

Sicher, es gibt lobenswerte Ansätze wie den neuen Minifußball, der bei den Kleinsten etwas Druck aus dem Kessel nehmen und nebenbei die technischen Fertigkeiten der Kleinsten verbessern soll. Doch Funino, so der Name, ist personalintensiver, braucht zudem Anschaffungen von Toren, Bällen und veränderte Trainingskonzepte. Nach den letzten Leistungen der Nationalmannschaft mag es nötig sein, über Ausbildungskonzepte nachzudenken. Doch darf man die Basis mit der Umsetzung nicht alleine lassen. Denn bei noch mehr Überforderung werfen noch mehr Trainer oder Vorstände hin. Sie sind dann meist für den Sport verloren.

Dass der DFB in der Lage ist, eine Reform einzuleiten, darf bezweifelt werden. Allein schon, weil das gegenseitige Misstrauen sehr groß ist. Sie wird kaum von Funktionären kommen, die seit zwanzig Jahren an ihren Sesseln kleben, auch nicht von Oliver Bierhoff und seinem riesigen Stab. Es braucht endlich die Einbeziehung von Praktikern aus den Vereinen. Leider steht zu befürchten, dass die überteuerte DFB-Akademie dafür sorgt, dass die Elite sich noch mehr von der Basis entfernen wird.

Wenn aber die Funktionäre nicht endlich begreifen, dass Partizipation, Transparenz und Transformation unabdingbar sind, wird der Fußball nachhaltig Schaden nehmen. Dieser wird nicht dadurch gemindert, dass man kritische Geister als Spalter oder Nörglerinnen diskriminiert oder gar vor die Ethikkommission zerrt. Bibiana Steinhaus zum Beispiel hätte dem deutschen Fußball vielleicht gut getan, nun hat sie sich für den englischen Verband entschieden und keinen Hehl daraus gemacht, dass sie dort mehr Möglichkeiten sieht, Dinge zu bewegen.

Im März 2022 wird die neue DFB-Spitze gewählt. Noch ist Zeit, die Gelegenheit zu ergreifen und Leute einzubeziehen, die wirklich wissen, was in den Vereinen benötigt wird. Natürlich wäre es am besten, wenn alle an einem Strang zögen: Amateure, Profis, Funktionäre, Politik, vielleicht sogar mit der konstruktiv-kritischen Begleitung der Medien. Öffentlichkeit ist nicht ausschließlich durch Social-Media-Portale herzustellen. Der Zustand der Amateurvereine geht uns alle an, auch Politiker oder Journalistinnen oder ihre Kinder wollen Fußball spielen.

Gerd Thomas

Gerd Thomas

Gerd Thomas ist seit 2017 Erster Vorsitzender (seit 2003 im Vorstand) des FC Internationale Berlin. 2013 zeichnete der DFB den Verein mit dem Integrationspreis aus.

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