Kinderfussball

Es sollen alle spielen

Unser Autor gewann mal ein wichtiges Spiel und fühlte sich dennoch als Verlierer. Weil er seine Wechselspieler nicht eingesetzt hatte. Seitdem geht er anders mit dieser Grundsatzfrage um, vor der Jugendtrainer immer wieder stehen. Von YOUNIS KAMIL

Ich möchte von einem Aha-Erlebnis als Kindertrainer berichten. In der Regel nehme ich zu den Spielen immer vier Wechselspieler mit – in der Absicht, alle spielen zu lassen. Doch als wir vor ein paar Jahren in einem wichtigen Spiel knapp in Führung lagen, wechselte ich nicht ein einziges Mal. Wir gewannen das Spiel, aber vier Kinder hatten keinerlei Anteil, fühlten sich als Verlierer, als zu schlecht für unser Team. Auch meine Aufmunterungen, das Wechselspieler stets einen Teil zum Sieg beitragen, tröstete sie nicht. Ich war Gewinner und hatte doch verloren.

So gut wie alle Kinder- und Jugendtrainer stehen dauerhaft vor der Frage: Spiele ich auf Sieg und lasse die besten Fußballer durchspielen? Oder gebe ich allen eine Einsatzchance, auch wenn ich damit den Sieg gefährde? Geht gewinnen über alles? Es ist eine der schwierigsten Entscheidungen, mit denen ich mich Woche für Woche konfrontiert sehe. Es wird wohl nie die ultimative Fairness geben, aber ich habe einen Ansatz gefunden, mit dem ich als Trainer, die Kinder und die Eltern gut leben können.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir mein Auftrag als Jugendtrainer: Du sollst die Freude der Kinder am Sport fördern, ihnen Werte und Gemeinschaftsgefühl vermitteln, auch die fußballerischen Talente aller entwickeln. Wie war ich also auf die Idee gekommen, dass ich ein einzelnes Spiel wichtiger bewertete als meinen Auftrag? Wenn ich ehrlich bin: Es war mir um mich gegangen. Ich wollte den Erfolg und nahm keine Rücksicht auf die Auswechselspieler.

Als ich das erkannte, beschloss ich, mein gesamtes Handeln diesem Auftrag zu unterwerfen. Ich erarbeitete ein Konzept, das ich den Drei-K-Ansatz nenne und das für die Altersspanne fünf bis zwölf Jahre und den Breitenfußball, wo es ein starkes Leistungsgefälle gibt, gut funktionieren kann: Konzept, Kommunikation, Kompetenz. Damit habe ich es geschafft, Kinder nicht mehr zu enttäuschen und Konflikte mit Eltern zu verhindern. Zugleich fördere ich bei den Kindern das Verständnis für ihre Selbstwirksamkeit.

Das erste K steht für Konzept. Gemeinsam mit dem Trainerteam, zum Teil auch mit den Eltern, haben wir ein Konzept entwickelt, das die Regel, wer wann und in welchem Team zum Einsatz kommt, klar vorgibt. Im Fall meiner D-Jugend, die dieses Jahr vierunddreißig Kinder umfasst, haben wir es folgendermaßen gelöst: Zu Saisonbeginn gibt es einen festen D2-Kader. Die Kinder sammeln jede Woche Spielerfahrung in der D2, haben Erfolgserlebnisse und vor allem Spaß. Darüber hinaus gibt es sechs bis acht Spieler, die wir als Rotationsspieler bezeichnen und die gelegentlich sowohl in der D1 als auch in der D2 spielen. Zudem gibt es einen festen D1-Kader. Darüber hinaus gilt die Maxime, dass jedes Kind, das am Wochenende zum Spiel fährt, eingesetzt wird. Alle Kinder kennen nicht nur dieses System, sie haben es mitentwickelt.

Das zweite K steht für Kommunikation. Ein Konzept ist nur dann gut, wenn es transparent ist. Wir haben das System den Eltern und den Kindern vorgestellt und sichergestellt, dass alle informiert sind. Wöchentlich sprechen wir mit den Kindern und informieren sie darüber, in welchem Team sie am Wochenende spielen werden. Wir fragen: „Ist das ok für dich Bist du einverstanden?“ Am liebsten habe ich es, wenn ein Kind nicht einverstanden ist, weil es uns die Möglichkeit gibt, ihm Tipps zu geben, wie es sich weiterentwickeln kann.

Das dritte K steht für Kompetenz. Wir handeln ja nach der Maxime, dass alle Kinder, die mitfahren, auch zum Einsatz kommen. Es sei denn, ein Kind erklärt von sich aus, in einer engen Spielsituation, dass es nicht eingesetzt werden möchte. Damit übertragen wir den Kindern Kompetenz. Einige Kinder nehmen die Aufgabe an, andere möchten in entscheidenden Momenten lieber nicht rein, da sie fürchten, einen Fehler zu machen, der zur Niederlage führt. Wir respektieren die Entscheidung der Kinder immer.

Mit der Zeit hat sich ein wunderbarer Nebeneffekt eingestellt: Die Kinder kommen sehr häufig mit konkreten Fragen und Bitten um Feedback auf uns zu. Ich führe das darauf zurück, dass sie nicht einfach vor vollendete Tatsachen gestellt werden, sondern meist genau wissen, was ihnen fehlt, damit sie den Sprung in die D1 schaffen. Die Kinder lernen also, dass sie durch ihre Anstrengung einen großen Einfluss auf ihre Entwicklung nehmen können.

In der letzten Saison stand ich mit meinem Team im Pokal-Viertelfinale. Ich folgte meinem Ansatz und ließ alle Kinder spielen. Trotz einer Führung verloren wir knapp. Dennoch hatte ich in der Kabine das Gefühl, dass sich alle als Gewinner empfanden, weil es ein Superspiel war. Diese sportliche Niederlage war für den Zusammenhalt und die Entwicklung einiger Kinder ein Riesengewinn. Und für mich eine erneute Erinnerung an meinen Auftrag als Kinder- und Jugendtrainer.

Protokoll: Oliver Fritsch

Younis Kamil

Younis Kamil

Younis Kamil ist Erster Vorsitzender des ISC AlHilal Bonn, einem Stützpunktverein für Integration und Gewinner mehrerer Integrationspreise.

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