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Der Fußball vergisst seine Kinder

Ein Haufen gekaufter Legionäre stellt keine Zukunft dar, eine gute Jugendabteilung schon. Warum vergessen das so viele Amateurvereine? Von GERD THOMAS

Wer ist wichtig im Fußballverein? Die Diskussionen über die Corona-Saison drehten sich vorrangig um die so genannten Aushängeschilder, die 1. Herren. Obwohl in vielen Vereinen die Frauen- oder Jugendteams höher spielen, beschäftigten sich die Vereinsvertreter (Vertreterinnen gibt es kaum) vorwiegend mit den Männern. In Berlin gab es nach dem Sommer eine Trainingssondergenehmigung für die Regionalligisten (4. Liga), die kurzerhand zu Profis erklärt wurden. Für die Regionalliga-Frauen (3. Liga) und die Jugend-Regionalligisten (2.Liga) gab es die nicht. Der Grund: weil zu den Herren angeblich mehr Zuschauer kommen. Mal davon abgesehen, dass bis Ende August gar keine zugelassen sind, zog selbst das Berliner Derby zwischen Viktoria 89 und BAK 07 in der letzten Saison gerade 300 Leute an, inklusive der in der Regel großzügig verteilten Freikarten. Ehrlicher wäre wohl, die Bedeutung der Männerteams am Etat und nicht am Publikumszuspruch festzumachen. Der insolvente Drittligaabsteiger Chemnitzer FC soll mit mehr als zwei Millionen Euro Verbindlichkeiten in die neue Saison gehen, wie immer das funktionieren soll.

Auch in der Verbands- oder Landesliga gibt es stattliche Etats, wenn auch nicht im siebenstelligen Bereich. Der Fan-Zuspruch hält sich dennoch in Grenzen, manchmal wird nicht einmal Eintritt kassiert, weil sich der Aufwand nicht lohnt. Nun kann in einem freien Land jeder Millionär, der Zutritt in einen Vereinsvorstand erhält, sein Geld in den Amateurfußball investieren und sein Ego befriedigen. Ärgerlich wird es, wenn bei der ganzen Begeisterung für den Amateurfußball die Jugendarbeit vergessen wird. Das ist leider in vielen Vereinen zunehmend der Fall.

Ich werde häufig gefragt, wie man es schafft, rund dreißig Jugendteams zu organisieren und daraus im besten Fall Nachwuchs für die Männer oder Frauen zu gewinnen. Ich antworte meist: mit Geduld und Durchhaltevermögen. Genau daran fehlt es vielen. Natürlich gibt es Vorbilder wie Hertha Zehlendorf, den Verein mit den meisten Jugendteams in Deutschland, der allerdings auch eine riesige Sportanlage zur Verfügung hat. Doch würden sich dort oder in den anderen gut funktionierenden Vereinen nicht immer wieder Menschen finden, die (meist ehrenamtlich) bereit sind, zwanzig Stunden und mehr pro Woche für den Jugendfußball zu arbeiten, würde nicht viel funktionieren. Die Aufgaben sind vielfältig: Spielbetrieb, Training, Organisation, Pass- und Meldewesen, Trainersuche, die Gewährleistung des Kinderschutzes oder die „Betreuung“ der Eltern.

Gerade viele Eltern, von löblichen Ausnahmen abgesehen, stellen immer höhere Ansprüche, sind aber oft kaum noch bereit, das Nötigste beizutragen. Natürlich soll ihr Kind besonders gefördert werden, die besten Trainer haben, auf der richtigen Position spielen – um dann, falls Talent vorhanden, dem Verein den Rücken zu kehren. Große Vereine, oder die sich dafür halten, werben schon Spieler im Kindesalter ab. Wer in Ballungsräumen Jugendarbeit verrichtet, weiß das.

Der Fehler liegt im System. Zwar bietet der DFB inzwischen diverse Online-Tools an und animiert zu (nicht ganz preiswerten) Trainerlizenzen. Aber nicht nur der Bau der sehr teuren Akademie in Frankfurt zeigt: Es wird auch im Jugendbereich nur noch von oben nach unten gedacht. Denn wer kümmert sich um die vielen Jugendlichen, die nicht das Zeug zum Profi oder Halbprofi haben? Wer einmal versucht hat, einen Trainer für eine 5. D- oder 4. C-Jugend zu finden, weiß über die riesigen Probleme des Breitensports. Einen Trainer für eine Verbandsligamannschaft kriegt man immer, doch wer ist bereit, den entwicklungsfähigen Kindern einer E6 die Grundlagen des Fußballs zu vermitteln? Es wird immer schwerer, Menschen dafür zu begeistern, sich dreimal in der Woche um 16.30 oder samstags um 9 Uhr auf den Platz zu stellen.

Stattdessen werden große Summen in ein einziges Team investiert. Die 1. Herren verschlingen häufig mehr als doppelt so viel wie die gesamte Jugendabteilung. Vielen Vorständen – die häufig auch der Hauptsponsor sind – ist Jugendarbeit zu aufwändig. Lieber kauft man sich jedes Jahr ein neues Herrenteam zusammen, statt über Jahre Jugendspieler aufzubauen.

Gibt es eine Lösung? Viele sehen sie in hauptamtlichen Strukturen. Ab einer gewissen Vereinsgröße ist das sicher sinnvoll, auch könnten sich Vereine zusammenschließen und den Spielbetrieb sowie die Mitgliederverwaltung gemeinsam organisieren. Professionalisierung allein wird aber nicht viel ändern. Es braucht einen Richtungswechsel. Beim Berliner Fußball-Verband gibt es alles Mögliche, aber keinen hauptamtlichen Projektleiter Jugend. Dies zeigt das Dilemma.

Es wird Zeit, dass Vereine und Verbände endlich anfangen, der Jugend eine höheren Bedeutung zuzumessen. Auch die Politik muss sich Gedanken machen. Jugendarbeit ist auch in ihrem Sinne. Ein ranghoher Sportfunktionär wies neulich darauf hin, dass gerade Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Milieus oft den Fußball als Sport wählen. Hier können sie Erfolgserlebnisse sammeln, Freundschaften schließen, mit Gleichaltrigen aus allen Schichten zusammenkommen und auf Augenhöhe agieren. Der Fußball preist sich selbst als Integrationsmaschine, in der jede Menge Tugenden vermittelt werden. Wenn sich aber immer weniger Vereine berufen fühlen, sich um die Jugend zu kümmern, werden die Jugendämter eine Menge zu tun bekommen. Patentrezepte gibt es nicht, aber die Diskussion über die Jugend müsste wenigstens beginnen.

In der Corona-Krise haben sich nicht zuletzt die Jugend-Coaches sehr engagiert, ob mit Online-Training oder als Ansprechpartner für Spielerinnen und Spieler. Als es dann um die Saisonbewertung und die ersten Lockerungen ging, fühlten sich viele alleine gelassen, nicht zuletzt von ihren Vorständen. Es bleibt zu hoffen, dass die Vorstände das Murren vernommen haben. Ein Haufen gekaufter Legionäre stellt für einen Verein keine Zukunft dar. Eine funktionierende Jugendabteilung hingegen schon.

Protokoll: Oliver Fritsch

Gerd Thomas

Gerd Thomas

Gerd Thomas ist seit 2017 Erster Vorsitzender (seit 2003 im Vorstand) des FC Internationale Berlin. 2013 zeichnete der DFB den Verein mit dem Integrationspreis aus.

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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Lambert

    Leider hast du in vielen Punkten recht wenn man sieht wie mit dem Geld rumgeschmissen wird bekommt man das kalte Ko….,
    Bezirgsamt Neukölln blockiert seit Jahren mit den schlechtesten Ausreden zb wird bei uns immer noch mit C Schläuche gesprengt das heißt 5-6 Mann werden gebraucht um das zum laufen zu bringen für die Kinder, es ist eine Zumutung .

  2. Karl Schmie

    Hallo, also ich muss sagen, wir der CSL-Detmold setzen sehr auf die Jugend und haben Gott die Dank alle Jugendmannschaften besetzt und eine sogar doppelt, wir setzen sehr auf eigenen Nachwuchs und werden een die Jungs möchten auch in die 1. Senioren nehmen. Hier machen viele Mannschaften Spielgemeinschaften.

  3. Norbert Kaus

    Das schwerwiegendste Problem sind die Eltern mit ihren überzogenen Erwartungen, und die sind manchmal gar nicht Vereinsmitglied; haben nur ihre Kinder angemeldet!

  4. Chris Dreyer

    Moin.

    Erst mal »Danke« für den tollen und wichtigen Beitrag.

    Ich denke es gibt quasi nur eine Lösung: Den Kinder- und Jugendfussball und den Breitensport im Allgemeinen auf eine ähnlich hohe gesellschaftliche Stufe zu hieven, wie (Aus)Bildung. Wo sonst wird man als junger Mensch derart positiv sozialisiert, lernt sich und seinen Körper kennen und nimmt Erlebnisse, Erinnerungen und Freunde für’s Leben mit? Hier ist mal wieder die Bildungs- Schul- und Sportpolitik gefordert, endlich entsprechende Mittel in Kampagnen und vor allen Dingen in Hauptamtliche Strukturen zu stecken… es geht um so viel mehr als „nur“ kicken.

    Grüße aus Hamburg,

    Chris 🙂

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