Es geht nicht voran beim DFB. Nach den Rücktritten von Fritz Keller und Friedrich Curtius, folgte die vom 19-Monate-Präsidenten verpflichtete Medienchefin. Weitere Änderungen werden folgen, es fragt sich nur wo und in welcher Reihenfolge. In den Medien dreht sich alles um Personen. Welche Köpfe sind geeignet, den Verband aus der Krise zu führen? Neben den üblich verdächtigen Ex-Profis bringen sich erstmals auch mehrere
Frauen ins Spiel. Darunter eine ehemalige Managerin eines Proficlubs und ein auch bei der Fifa wohl gelittenes Gesicht von Transparency International Deutschland. Keine Frage, mehr Frauen an der Spitze würden dem DFB sicher gut tun. Doch warum redet eigentlich kaum jemand über Inhalte und Strukturen – vor allem nicht über die Amateure, die ja 99 Prozent der Vereine stellen?

Immerhin erinnert man sich an Ute Groth, ebenfalls Kolumnisten der HARTPLATZHELDEN, die vor zwei Jahren kandidieren wollte, aber schon auf Bezirksebene eiskalt ausgebootet wurde. Sie ist zurzeit die einzige Genannte, die im Lager der Amateurvereine zu verorten ist. Gleichwohl dürften unter den Mitgliedern der 25.000 Vereine weitere Menschen sein, die die Basis des Fußballs vertreten könnten. Ute sagte unlängst selbst, sie könne sich eine erneute Kandidatur nur im Team vorstellen. Ein lobenswerter und richtiger Ansatz. Denn genau das braucht es: Teamplay, Transparenz und Fairplay.

Es führt nicht weiter, die hinlänglich bekannten Scharmützel in der DFB-Spitze zum hundertsten Mal aufzulisten. Viel interessanter ist, dass sich inzwischen Amateurvertreterinnen vernetzen und inhaltlich austauschen. Damit sind sie strategisch deutlich weiter als andere Akteure des Spiels.

Was sind die Themen, die den Breitensport umtreiben? Da ist natürlich die Zukunft des Ehrenamts, das nicht erst seit Corona über immer größere Belastungen und Verantwortung klagt. In den Ballungsräumen fehlt es an sportlicher Infrastruktur, in der Fläche kriegen viele Vereine in der Jugend kaum noch Großfeldteams zusammen. Spielgemeinschaften sind als Lösung vielerorts nicht sehr beliebt, jeder Verein führt nun mal sein Eigenleben. Viele Clubs beklagen eine Überalterung der Vorstände und zu wenig Engagement bei den 30- bis 50-jährigen, denn diese arbeiten oft deutlich mehr als vierzig Stunden in der Woche.

Und natürlich geht es auch ums Geld. Zum Jahreswechsel soll eine GmbH aus den DFB-Filetstücken gegründet werden. Hierzu gehören die Nationalmannschaft, der DFB-Pokal und die ohnehin vom DFB, also weitgehend von den Amateuren, bezahlte Elite-Akademie. Ewigen Mahnern wie Engelbert Kupka mit seiner Initiative „Rettet die Amateure“ ist es zu verdanken, dass auch das vielleicht wichtigste Thema, nämlich der TV-Grundlagenvertrag, nicht in Vergessenheit gerät. Der DFB erhieltfrüher 3 Prozent der Vermarktungseinnahmen. Da diese aber inzwischen gigantische Summen erreichen, sehen die Profivereine sich plötzlich nicht mehr an frühere Vereinbarungen gebunden. Ein nur für Insider verständliches Dickicht aus Nebenabsprachen und Klauseln macht die Sache inzwischen unübersichtlich. Fakt ist aber, die Amateure werden zunehmend vom Berufsfußball abgekocht.

Die heutige Nomenklatura des DFB erklärt ein ums andere Mal, nur sie könne für die Amateure so verhandeln, dass diese nicht unter die Räder kommen. Aber stimmt das auch? Die Vereine werden ja nicht einmal gefragt, wie sie die Sache sehen. Das veraltete System sieht vor, dass die Präsidenten (Frauen gibt es nicht) einigen wenigen Verhandlern die uneingeschränkte Vollmacht geben. Nun muss man wissen, dass diese Landesfürsten sich keineswegs ein Votum von ihrer Basis einholen. Sie entscheiden in der Regel eigenmächtig und machen genau wie beim Votum über Keller, Koch, Curtius und Osnabrügge vor einigen Wochen in Potsdam ihre Abstimmung mit ihrem Badezimmerspiegel ab. Allenfalls wird abends zuvor an der Hotelbar – in Coronazeiten in bilateralen Gesprächen mit Kollegen – die eigene Meinung noch einmal „überprüft“, natürlich auch die eine oder andere Allianz geschmiedet. Man kennt sich, man schätzt sich, man versteht sich. Und man weiß einiges übereinander.

Dieses System aus Leisetreterei und Geheimniskrämerei gilt es abzuschaffen, will sich die Basis endlich Gehör verschaffen. Es braucht eine Graswurzelbewegung, es braucht endlich mehr Vereinsfunktionäre, die sich nicht mehr mit der alleinigen Meinung der Landesfürsten zufrieden geben. Der Amateurfußball steht am Scheideweg und muss sich aufbäumen. Die 25.000 Vereine brauchen endlich eine Art Gewerkschaft für den Breitensport, mindestens eine Interessengemeinschaft. Deren Protagonisten sollten in der Breite gewählt werden, mehr als Tickets für Ehrentribünen und 6-Sterne-Hotels im Kopf haben und die ganze Diversität des Amateurfußballs spiegeln.

Wie es zu so einer Bewegung kommen könnte, haben die Vereine in Berlin gezeigt. Sie haben gegen große Teile ihres Landespräsidiums eine AG Zukunft durchgesetzt. Auch wenn der amtierende Präsident versucht, sich nach seiner zunächst ablehnenden Haltung nun plötzlich als Spitze der Bewegung zu gerieren – der Anstoß kam nicht aus dem Präsidium. Er kam von der Basis.

Die Pandemie hat alle gelehrt, mit Videokonferenzen umzugehen. Dieses Instrument könnte jetzt helfen, die Wege zu verkürzen, die Leute zusammenzubringen, die dringend notwendigen Diskussionen zu ermöglichen.
Anders als bei der Alibi-Veranstaltung „DFB-Amateurkongress“ werden nicht ausgewählte Leute gehört, sondern alle Interessierten können sich einbringen. Sogar ein alternativer Amateurkongress wäre denkbar. Damit könnte die von den Verbänden so gern beschworene Digitalisierung tatsächlich etwas für die Vereine voranbringen. Nur ganz anders, als die amtierenden Herren sich das gedacht haben.