Amateurfußball DFB Milliardengschaeft

Die große Bezahlunkultur

Eine alarmierende Studie ergibt: In der Bezirksliga verdient jeder zweite Kicker Geld, selbst in der Kreisklasse kassiert mancher Altstar ordentlich ab. Es wird Zeit das zu ändern, kommentiert TIM FROHWEIN.

„Das war doch schon immer so!“, heißt es oft, wenn das Thema Geld im Amateurfußball zur Sprache kommt. Ein Satz, mit dem man gerne kritische Auseinandersetzung im Keim ersticken will. Das ist schade – und gefährlich, denn: Aus dem Sein folgt schließlich kein Sollen.Vielleicht erscheint der Ist-Zustand der Bezahlkultur im Amateurfußball veränderungswerter, wenn man ihr Ausmaß besser versteht. Mit den Ergebnissen der Correctiv-Studie „Wie viel verdienen Amateurfußballer?“, die ich wissenschaftlich begleiten durfte, ist das jetzt möglich. Mehr als 8000 aktive, männliche Amateurkicker aus ganz Deutschland haben zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 bei der anonymen Umfrage mitgemacht. Einige Zahlen aus der Studie wurden bereits in der ARD-Doku Milliardenspiel Amateurfußball publik gemacht. Hier nochmal ein Überblick über die aus meiner Sicht wichtigsten Befunde:

  • Mehr als ein Drittel (36,9 Prozent) der Teilnehmer wurde zur Zeit der Befragung bezahlt.
  • Mit zunehmendem Leistungsniveau steigt der Anteil der bezahlten Spieler. Von den 1430 Befragten, die zur Zeit der Erhebung in der 7. Liga spielten, wird eine knappe Mehrheit (50,9 Prozent) bezahlt. Damit scheint die 7. Liga – in vielen Fußball-Regionen entspricht das der Bezirks- oder Landesliga – eine Art Grenze zwischen dem unterklassigen/geselligkeitsorientierten und dem höherklassigen/leistungsorientierten Amateurfußball zu markieren. 

Regionalliga (4. Liga) 90,0 %
5. Liga 89,9 %
6. Liga 76,7 %
7. Liga 50,9 %
8. Liga 36,4 %
9. Liga 19,9 %
10. Liga 9,4 %
darunter 7,3 %

  • Angaben zur Höhe des monatlichen Verdiensts im Oktober 2020 machten 2790 Umfrageteilnehmer. In diesem Monat wurde an die bezahlten Spieler ein Gesamtbetrag von 1.160.657 Euro ausgeschüttet, also etwa 416 Euro pro Spieler. Auf eine Saison mit zehn Verdienstmonaten gerechnet kommt man in ganz Deutschland auf mehr als eine Milliarde Euro, die an Amateurfußballer fließen.
  • Mit dem Leistungsniveau steigt nicht nur der Anteil an bezahlten Spielern, sondern auch der Durchschnittsverdienst:

Regionalliga (4. Liga) 1627 €
5. Liga 697 €
6. Liga 425 €
7. Liga 309 €
8. Liga 250 €
9. Liga 241 €
10. Liga 362 €
darunter 311 €

  • Interessanterweise steigt der Durchschnittsverdienst in den untersten Ligen nochmal an. Meine Interpretation: Wie die Tabelle oben zeigt, gibt es in den tiefsten Ligen weniger Spieler, die Geld bekommen – aber die lassen sich ihr Engagement dafür eben richtig gut entlohnen. Ich habe sie oft gesehen, die Ex-Verbandsliga-Spieler, die im gehobenen Alter nochmal durch die unteren Ligen tingeln. Sportlich oft ein Gewinn, menschlich nicht immer.

  • Spieler, die Geld erhalten, unterscheiden sich von Spielern, die nicht bezahlt werden. Erstgenannte wechseln beispielsweise häufiger den Verein: Spieler, die zur Zeit der Befragung Geld erhielten, liefen in ihrer bisherigen Karriere durchschnittlich für 3,0 Vereine auf. Unbezahlte Amateurfußballer im Durchschnitt nur für 2,2 Vereine. Auch die geselligen Begleiterscheinungen des Amateurfußballs schätzen bezahlte Spieler weniger: Der Aussage „Beinahe nach jedem Spiel sitze ich mit meinen Mitspielern in geselliger Runde zusammen“ stimmen bezahlte Amateurfußballer im Durchschnitt zu 68,3 Prozent zu, unbezahlte Spieler dagegen zu 83,5 Prozent.

Ja, es stimmt, die Ergebnisse einer Online-Befragung sind selten repräsentativ. Und manch ein Teilnehmer wird beim Ausfüllen des Fragebogens auch falsche Angaben gemacht haben. Aber dass wahnsinnig viel Geld im Amateurfußball unterwegs ist, ist nach diesen Befunden eindeutig. Gerade in den unteren Ligen, in denen der Spaß an der Bewegung, die Geselligkeit und das Miteinander an erster Stelle stehen sollten, braucht es aber keine Kicker, die sich nach Stationen im höherklassigen Amateurfußball ihren Karriereabend in der Kreisklasse gut bezahlen lassen – nur weil ein Mäzen denkt, dass seine Mannschaft statt in der 10. Liga in der 8. Liga spielen sollte. 

Steckt das Geld lieber in die Digitalisierung, die sportliche Infrastruktur und den Jugendbereich eures Vereins! Stellt hauptamtliche Mitarbeiter ein! Es gibt in Deutschland schon zahlreiche Vereine, die diesen Weg gehen und sich vom System Bezahlkultur (das man eher als Bezahlunkultur bezeichnen sollte) verabschiedet haben. Sie sollten sich vernetzen, auf diese Weise sichtbarer werden und anderen Vereinen demonstrieren, dass Amateurfußball auch funktioniert, wenn man es anders macht, als es angeblich schon immer war.


Eine ausführliche Zusammenfassung der Studie wird im Februar in der Fachzeitschrift „Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge“ veröffentlicht.

Tim Frohwein

Tim Frohwein

Tim Frohwein ist Soziologe und setzt sich seit über einem Jahrzehnt wissenschaftlich und journalistisch mit dem Amateurfußball auseinander. Seit bald zwanzig Jahren kickt er in den Herrenmannschaften des FC Dreistern München.

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