In seinem neuen Buch schreibt Ex-Profi und TV-Experte Dietmar »Didi« Hamann auch über seine Sicht auf den Amateurfußball
»Der Spielverderber. 45 ungeschminkte Wahrheiten“, Kapitel 42: »Fußball wird, wie so vieles in der Welt, zur Zweiklassengesellschaft.«
Quizfrage: Was sagen Ihnen die Namen SC Ronsberg, HSV Barmbek-Uhlenhorst, TSV Nördlingen und SV Altenessen? Es sind die Heimatvereine derjenigen vier Fußballer, die Deutschland zum WM-Titel schossen: Mario Götze, Andreas Brehme, Gerd Müller und Helmut Rahn. Deutsche Triumphe wurzeln in der Provinz.
Für mich persönlich gilt: Ohne Wacker München kein FC Bayern, kein Liverpool, kein WM-Finale. Bis 16 war ich bestens aufgehoben in meinem Verein aus dem Westmünchner Stadtteil Sendling. In den 1920ern wurde er ein Mal Süddeutscher Meister, zwei Mal erreichte er das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft, den FC Bayern ließ er damals hinter sich. Nationalspieler trugen zu dieser Zeit das Trikot von Wacker München. Heute ist er in der Landesliga gelandet, auch dort wird ansehnlicher Fußball gespielt.
Mein Trainer in der Jugend war mein Vater. Aber sehr viele andere beteiligten sich daran, den Betrieb am Laufen zu halten. Sie mähten Rasen, grillten und verkauften Würstchen, fuhren uns zum Auswärtsspiel, sammelten Mitgliedsbeiträge ein. Ich kenne Leute, die machen das seit Jahrzehnten. Durch sie wird ein Fußballverein zu einer Heimat. Das Ganze tun sie noch dazu ehrenamtlich. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen, dafür kann ich mich gar nicht tief genug verneigen.
Warum sich so gut wie jeder Fußballprofi zuhause fühlt, wenn er mal wieder bei seinem Dorfverein vorbeischaut: Weil er Dank verspürt. Ohne den freiwilligen Einsatz der Menschen dort ist keine Weltkarriere möglich. Wir Fußballer sind keine Tennisspieler, die in Internaten irgendwo in der Welt in einem privatwirtschaftlichen Kontext ausgebildet werden. Wir entstammen alle einem e.V., einem eingetragenen Verein vor unserer Haustür.
Die gut 24 000 Vereine, manchmal belächelt, sind nach wie vor bedeutende gesellschaftliche Institutionen. Der DFB hat mehr als acht Millionen Mitglieder. Wenn die Nationalmannschaft spielt, stehen auf dem Platz die besten elf. Und die spielen für alle anderen. Deswegen ist Fußball Volkssport. Er ist tief in der Gesellschaft verankert.
Auf dem Sportplatz spielt am Sonntag das Leben. Manche Leute kommen, um einen Plausch zu halten. Andere, um ihren Sohn oder ihre Tochter gewinnen zu sehen. Es gibt in jedem Ort auch einen, der von der ersten Minute an über Gegner und Schiri schimpft. Das muss nicht unbedingt sein, aber gehört auch irgendwie dazu. Wir wollen nicht päpstlicher sein als der Papst. Nach dem Spiel trinkt man gemeinsam ein Bier im Vereinsheim. Apfelschorle geht natürlich auch.
Der Amateurverein ist der Erstkontakt, er leistet Integration, Teilhabe und Ausbildung. Lothar Matthäus war schon 18, als er noch für den 1. FC Herzogenaurach auflief. Geschadet hat es ihm nicht, sonst wäre er nicht Weltmeister und zwei Mal Weltfußballer geworden. Miroslav Klose kickte mit 20 in der Bezirksliga. Inzwischen verlassen die Besten ihren Dorfverein immer früher. Julian Draxler wechselte mit sieben zu Schalke 04, Jamal Musiala mit sieben zum FC Southampton.
Doch selbst heute, wo die meisten in jungen Jahren in ein großes NLZ wechseln, fängt so gut wie jeder Nationalspieler im kleinen Verein auf dem Dorf oder im Stadtviertel an. Die einzige mir bekannte Ausnahme ist Manuel Neuer, er war schon mit vier auf Schalke. Wenn es nach mir ginge, sollten Jugendliche länger in einem Amateurverein bleiben. Dann würden sie nicht so früh die Nebenwirkungen der Professionalisierung zu spüren bekommen, und das Motiv Karriere käme erst ein paar Jahre später ins Spiel.
In Sonntagspredigten ist der Breitensport immer wichtig. Doch wie in vielen anderen Bereichen wächst der Abstand der Basis zur Spitze seit vielen Jahren auch im Fußball. So profitieren die Amateurvereine nicht vom dynamischen Wachstum des Profifußballs in diesem Jahrhundert. Zur »Zweiklassengesellschaft«, wie der Schweizer Exschiedsrichter Urs Meier sagt, trügen auch die Regeländerungen der jüngsten Zeit bei. Das prägnanteste Beispiel ist der Videobeweis, den kann man schon aus Kostengründen nur im Profifußball einsetzen. Österreich, eins der reichsten Länder der Erde, diskutiert bereits darüber, ihn deshalb abzuschaffen.
Auch die geplante Reform, wonach ein Angreifer erst dann im Abseits steht, wenn sich sein gesamter Körper vor dem Verteidiger befindet, »wird jedem, der ohne technische Hilfsmittel auskommen muss, das Leben enorm erschweren«, sagt Meier. »Also auch einem Assistenten in der dritten Liga, erst recht einem Linienrichter in der Kreisliga.«
Man merke seinen Ideen an, sagt Meier, »dass Arsène Wenger als Trainer vor allem im Elitefußball unterwegs war«. Für die Basis habe er keine Antennen. Das globale Regelhüterorgan IFAB aus der Prä-Wenger-Phase habe noch das Gesamte im Blick gehabt, den Fußball auf der ganzen Welt. »Längst werden Entwicklungsländer ebenso abgehängt wie der Amateurfußball.«
Mein Co-Autor Oliver macht mich immer darauf aufmerksam, dass viele Vereine ganz andere Sorgen haben als die halbautomatische Abseitserkennung. Sie suchen Ehrenamtliche, renovieren trotz leerer Kassen Kabinen und Trainingsplätze, müssen neue Lösungen zu Zeiten der Ganztagsschule finden. Er sagt auch, dass Sport im Verein den Zusammenhalt in unserem Land stärkt. Mit diesem Gedanken bin ich groß geworden, das kann man gar nicht oft genug betonen.
Wer die Nachrichten täglich verfolgt, weiß, dass das nottut. Um den vielen Krisen unserer Zeit entgegenzuwirken, muss man nicht in eine Partei eintreten (geht natürlich auch). Auch im Sportverein kann man sich fürs Gemeinwohl engagieren und sich um andere kümmern Das Ganze mit Spaß und Optimismus, es geht schließlich um Fußball.
Oliver hat Hartplatzhelden gegründet, eine gemeinnützige Initiative, die das Vereinsleben in Deutschland fördern und dem Amateurfußball helfen will. Ein löblicher Idealismus. Im Fußball ist viel Geld unterwegs. Die Amateurvereine sollte man nicht vergessen, wenn der nächste TV-Vertrag abgeschlossen wird und wieder ein Einnahmerekord fällt. Wer die Basis stärkt, stärkt die Spitze.
Aber es geht nicht nur um Geld. Wertschätzung ist für die Leute an der Basis manchmal noch entscheidender. Notiz an mich selbst: Ich bin am Wochenende oft für Sky in der Bundesliga im Einsatz, da kommt der Besuch an meinem alten Sportplatz meist zu kurz. Ich muss mal wieder öfter bei Wacker vorbeischauen.
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Foto von Janosch Jost auf Unsplash

