Michi Franke Kolumne

Manchmal ist weniger am Ende mehr!

Sind Nachwuchsleistungszentren (NLZ) bei der Ausbildung von Fußballtalenten förderlich? Eine Analyse von MICHAEL FRANKE.

Nachwuchsleistungszentren (NLZ) sind eine tragende Säule der Jugendausbildung im DFB. Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 50 NLZ, in denen die regionalen Spitzentalente aller Jahrgänge ab der U8 weiterentwickelt werden sollen. Vereine der 1. und 2. Bundesliga sind verpflichtet, ein NLZ zu betreiben. Einige Dritt- und Oberligisten betreiben aber auch solche Einrichtungen mit dem Ziel, Talente bestmöglich zu entwickeln.

Die NLZ betonen vor allem immer folgende Funktionalitäten des Betriebes:
1) Die frühe Entdeckung von Spitzentalenten
2) Die langfristige Entwicklung der Spieler im NLZ
3) Den Vorrang der schulischen vor der sportlichen Ausbildung
4) Das Ziel, Eigengewächse für die eigenen Herrenteams auszubilden

Das klingt doch super. Um es kurz zu sagen. In der Regel bleibt es beim schönen Klang.

Eine großangelegte Metastudie von Prof. Arne Güllich (TU Kaiserslautern), die dem Verfasser vorab vorliegt, wertete Daten aus den deutschen NLZ sowie über 30 internationalen Youth Soccer Academies aus.

Die Ergebnisse zeigen im Gegensatz zur beschriebenen Theorie folgende NLZ-Realität:
1) Hohe Frequenz des Spieleraustausches in allen Altersklassen (durchschnittlich 29% der Spieler werden jährlich ausgetauscht).
2) Erfolgreichere Profis kamen erst in späterem Alter in die Leistungszentren als weniger erfolgreiche Profis – eine frühere Förderung hängt also mit geringerem Erfolg im Erwachsenenalter zusammen.
3) Der kurzfristige Teamerfolg steht über der langfristigen Entwicklung einzelner Spieler.
4) Fußball hat Vorrang vor schulischer Bildung.
5) Es gibt einen deutlich steigenden Anteil neu verpflichteter auswärtiger Spieler.

Diese Erkenntnisse sind an sich nicht neu und waren regelmäßig Teil der Kritik an der Arbeit der NLZ. Nun sind diese bisherigen Vermutungen aber erstmals wissenschaftlich fundiert nachgewiesen.
Und damit entstehen große Fragezeichen an der Arbeit in den NLZ.

Die hohe Frequenz des Spieleraustauschs weckt massive Zweifel am aktuell gelebten System des Scouting von Kindern. Es wird jährlich immerhin fast ein Drittel der gescouteten Spieler ausgetauscht. Die gewonnenen Daten zeigen deutlich, dass die Talentsichtung in den Altersstufen U8 bis U14 nicht sinnvoll ist.
So finden sich beispielsweise nach 8 Jahren nur mehr 9 % der ursprünglichen U11 Spieler im NLZ in der U19. 91 % der Spieler werden zwischen der U11 und der U19 also aussortiert. Am Ende verbleibt weniger als 1 % der U11 Spieler, welches den Übergang in ein Herrenteam schafft.
Eine zuverlässige Entwicklungsprognose ist bei Kindern unter 14 Jahren nicht möglich. Ein U15 Spieler, der in ein NLZ wechselt, hat zumindest eine etwa 10%ige Chance, im NLZ den Übergang in den Herrenbereich zu schaffen. Anstatt Kinder langfristig zu entwickeln, werden diese bei Nichtgenügen ausgetauscht.
Im Wissen, dass rund 50 % der aus dem NLZ entlassenen Spieler medizinisch belegbare psychische Folgeschäden erleiden, erscheint die Vorgehensweise der regelmäßigen Selektion und Deselektion der NLZ schwerlich verantwortbar.

Auch spannend: Ein Großteil der Herrenspieler internationaler Klasse hat als Jugendlicher weniger Zeit für die Hauptsportart Fußball aufgewandt und sich einer Zweitsportart zugewandt. Das bedeutet, die sportliche Entwicklung setzte bei diesen Spielern später, aber dafür nachhaltiger ein. Die hohe Intensität der Hauptsportart im Kindesalter führt also zu einer beschleunigten sportlichen Entwicklung der Kinder, ist aber für die spätere Leistungsentwicklung im Erwachsenenalter eher schädlich. Die leistungsstärksten erwachsenen Spieler hatten als Kinder eine moderate Trainingsintensität, praktizierten verschiedene Sportarten, spielten länger in ihrem Heimatverein und blieben sozusagen von den negativen Einflüssen einer frühzeitigen Intensivförderung im NLZ verschont. Sie minimierten ihre persönlichen Einschränkungen als Kinder und Jugendliche, während sie ihr persönliches langfristiges Entwicklungspotential steigerten.

Aktuell schafft es etwa eines von 1.000 entdeckten Talenten aus NLZ in die erste Bundesliga.

Fazit:
Das Scouting von Kindern bis zu einem Alter von etwa 13 Jahren widerspricht den eindeutigen Ergebnissen der Studie. Es ist daher auch nicht zweckmäßig, Jahrgänge früher als U14 in NLZ zu führen.
Zum einen wirkt sich die hohe Intensität und Fokussierung in der Hauptsportart negativ auf die spätere Leistungsfähigkeit der Spieler aus. Zum anderen führt das real gelebte System der permanenten Selektion und Aussortierung von Spielern zu einer großen Zahl von Kindern mit klinisch nachweisbaren psychischen Folgeproblemen.

Michael Franke

Michael Franke

Michael Franke ist Erster Vorsitzender der FT München-Gern. 2018 hat er die Interessengemeinschaft Sport in München mitgegründet.

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Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Dirk Scheffer

    Sehr scharf analysiert Michi. Klare Aussage!

  2. Reinhold Breu

    Zahlen stimmen…wichtig ist das warum???
    Ich kann ihnen gerne die Erkenntnisse meiner Analyse mitteilen…
    Feindliche Grüße

  3. Dipl.-Ing. Gerd Rathjen

    Wie ich es sehe!
    Bei der Ausbildung von Fußballtalenten sind nicht die Nachwuchsleistungszentren (NLZ) die Schwachstelle!
    Die allermeisten Spieler der heutigen Nationalspieler und Bundesligaspieler werden im Alter von 5 – 12 Jahren in einem Amateurverein ausgebildet. Wir brauchen also in den Amateurvereinen die besten Trainer – ausgebildete Trainer – um die Jugendlichen im Alter von 5 bis 12 Jahren die beste Ausbildung zu er möglichen und der DFB lässt die Landesverbände sowie die Amateurvereine im Regen stehen.
    Als Cheftrainer der U-Nationalmannschaften des DFB sollte Fußball-Lehrer Meikel Schönweitz die Verantwortung des DFB für die Jugendlichen im Alter von 5 bis 12 Jahren in den Amateurvereinen nicht in die Landesverbände verschieben, denn wer die ersten vier Jahre seiner Fußballerlaufbahn (Schullaufbahn) nicht adäquat betreut wird, holt das später kaum wieder auf.
    Dabei ist der DFB doch daran interessiert, dass im Amateurbereich gut ausgebildete Trainer eingesetzt werden. Dann muss der DFB das auch fördern.
    DFB A-Lizenz Trainer Gerd Rathjen, Leiter der TGLR und
    Mitglied im „Bündnis für eine bessere Zukunft des Amateurfußballs“
    Scheeßel/Westerholz, 04.03.2022

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