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Die Mannschaft ist unser Spiegelbild

Ich meckerte einst über den Schiri, plötzlich machten meine Spieler mir das nach. Wir Trainer haben nun mal großen Einfluss auf deren Verhalten. Allerdings auch im Guten, wenn man weiß, wie. Von YOUNIS KAMIL

Der Schiedsrichter, das ewige Thema. Mit meiner D-Jugend erlebte ich vor kurzem in einem Meisterschaftsspiel einen, der offensichtlich nicht seinen besten Tag erwischt hatte. Fehlentscheidungen hüben wie drüben. Durch eine gerieten wir 0:1 in Rückstand, ich äußerte meinen Ärger. Das Spiel wurde von Minute zu Minute hitziger, verbal wie physisch. Mit der Häufigkeit seiner Fehler stieg mein Lautstärkepegel, ich überschritt definitiv die von mir aufgestellten Regeln des Umgangs mit Schiedsrichtern.

Glücklicherweise endete das Spiel wenige Minuten nach meinem Wutausbruch und ich, der sich mittlerweile gefangen hatte, ging auf den Schiedsrichter zu und entschuldigte mich. Als ich meine Mannschaft zusammenrief, erwartete mich allerdings ein Haufen frustrierter Jungs. Sie sagten folgendes:

  • „Alter, der Gegner war unfair.“
  • „Der Schiedsrichter ist Schuld, dass wir verloren haben.“
  • „Wäre der Schiedsrichter nicht gegen uns gewesen, hätten wir gewonnen.“

Sätze, gegen die wir tagtäglich im Training ankämpfen, fielen nun zuhauf. Mir wurde bewusst, dass ich durch mein Auftreten den Kindern jegliche Chance der Selbstkritik verwehrt hatte und ihnen die Tür öffnete, ihrer eigenen Wut freien Lauf zu lassen. Mir wurde vor Augen geführt, dass jegliches Handeln des Trainers eine direkte Auswirkung auf seine Spielerinnen und Spieler hat, wie groß unser Einfluss ist und welche Verantwortung wir tragen. Wenn sich der Trainer daneben benimmt, wird es das Team mit hoher Wahrscheinlichkeit auch tun. Die Folgen können Gewalt und Spielabbrüche sein.

Als Kinder- und Jugendtrainer stehen wir alltäglich vor der Herausforderung der Trainingsgestaltung. Unser Augenmerk liegt fast ausschließlich auf Technik, Taktik und Kondition. Häufig ist uns nicht bewusst, dass wir neben der Spielintelligenz auch die soziale und emotionale Intelligenz unserer Spieler, ihre personalen Kompetenzen trainieren können, vielleicht müssen.

Die D-Jugend ist auch dafür das goldene Lernalter. Von 10 bis 12 oder 13 sind Kinder nicht nur wahnsinnig lernfähig, was Koordination und Technik angeht, in diesem Alter festigt sich auch ihre Wahrnehmung von Moral. Und sie etablieren Verhaltensweisen, die in späteren Jahren nur sehr schwer zu revidieren sein werden. Mit meiner D-Jugend versuche ich also, neben meinen sportlichen Zielen, auch Themen wie Respekt, Selbstkritik, Zielorientierung und Frustrationstoleranz zu erreichen. In nahezu jedem Training versuche ich, Trainingsinhalte mit diesen Kompetenzen zu verknüpfen oder diese Werte durch meine Ansprachen zu vermitteln.

Als Trainer haben wir Möglichkeiten, ungewollten Verhaltensweisen vorzubeugen und unseren Spielerinnen positive Handlungsalternativen zu vermitteln. Dafür habe ich in den vergangenen Jahren fünf Schritte in mein Handeln integriert:

1. Vorbild: Lebe die Werte vor, die du von deinem Team verlangst. Deine Jugendspieler sehen in dir ein Vorbild. Dein Verhalten, ob gegenüber ihnen, anderen Trainern oder Schiris, hat eine unmittelbare Auswirkung auf das Verhalten der Spielerinnen auf dem Platz.

2. Kommunikation: Deinem Team müssen diese Werte bekannt sein. Begriffe wie Respekt, Kritik oder Durchhaltevermögen, sollten für deine Spieler keine Worthülsen sein, sondern einen Sinn ergeben. Durch Ansprachen, die du mit Beispielen versiehst, schaffst du Verständnis.

3. Verhaltensweisen anbieten: Oft wissen Kinder nicht genau, was du meinst, wenn du beispielsweise von respektvollen Verhalten sprichst. Konkretisiere es oder fordere ein explizites Verhalten, und erkläre, warum du genau dieses Verhalten wünschst. „Ich möchte von euch, dass ihr auch nach hohen Siegen Respekt vor dem Gegner habt und euch nach dem Spiel bei euren Gegnern für das Spiel bedankt. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr 10:0 verliert und der Gegner euch auch noch auslacht?“

4. Konsequenz: Bestimmte Verhaltensweisen hast du deinem Team als inakzeptabel vermittelt. Alle wissen das und kennen auch die Konsequenzen, wenn man sich dagegen verhält. Diese Konsequenzen ziehst du durch, selbst wenn sie deinen besten Spieler treffen.

5. Reflexion: Insbesondere dann, wenn wir uns als Team nicht an bestimmte Verhaltensweisen gehalten haben, wird im Nachhinein darüber gesprochen. Darüber zu sprechen, die Ursachen für das eigene Fehlverhalten im geschützten Rahmen der Mannschaft zu besprechen, schafft Vertrauen und Verständnis gleichermaßen.

Jede Trainerin, jeder Trainer muss seinen eigenen Weg finden. Diese fünf Schritte habe ich für mich erarbeitet. Sie haben mir über die Jahre geholfen, auch im Umgang mit Schiedsrichtern, die Werte an meine Teams zu vermitteln, die mir persönlich wichtig sind und die auf dem Fußballplatz und in der Gesellschaft für meine Spielerinnen und Spieler einen Mehrwert darstellen.

Protokoll: Oliver Fritsch

Younis Kamil

Younis Kamil

Younis Kamil ist Erster Vorsitzender des ISC AlHilal Bonn, einem Stützpunktverein für Integration und Gewinner mehrerer Integrationspreise.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Sidar

    Ich fand es interessant zu sehen wie der Trainer das Spiel sieht und auch andere Sachen

  2. Gerd Thomas

    Genau das sind die Gründe, warum bei der Trainerausbildung viel mehr Wert auf Sozialkompetenz gelegt werden sollte. Was nützt mir ein Trainer, der zwar alle Hütchen im richtigen Abstand aufstellt, aber seine Mannschaft nicht erreicht?

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