Kolumne Gerd Thomas

Trainer und Trainerinnen gesucht, und noch vieles mehr

Die gute Nachricht: Die Kinder strömen wieder in die Fußballvereine. Die schlechte: Wer soll sich um sie kümmern? Von GERD THOMAS

Der DFB-Präsident Bernd Neuendorf freut sich über steigende Zahlen im Kinder- und Jugendfußball. Zurecht, denn sie zeigen, dass der Amateurfußball für die Jüngsten und deren Eltern trotz Corona nicht an Attraktivität verloren hat. Auch wenn die Pandemie uns noch lange beschäftigen wird, strömen Kinder in die Vereine. Wir haben beim FC Internationale die Wartelisten für Jungen geschlossen. Es hat keinen Sinn, hunderte von Kindern drauf zu setzen, wenn es unwahrscheinlich ist, die Nachfrage in den nächsten Monaten ansatzweise befriedigen zu können.

In den Ballungsräumen sind oft fehlende Platzkapazitäten ein Problem. Doch die größte  Gefahr lauert bei der zunehmend schwierigeren Gewinnung von Trainerinnen und Trainern. Zwar wird das Ehrenamt gern als Rückgrat der Gesellschaft bezeichnet, doch Strategien für die Stärkung des Engagements sind kaum in Sicht.

Glaubt man Statistiken, betätigen sich nicht weniger Menschen als früher im Ehrenamt. Sieht man genauer hin, stellt man deutliche Veränderungen fest. Die Bindungen werden kürzer. Temporär zeigen die Leute Einsatz, etwa bei der Organisation eines Sommerfestes oder dem Streichen von Klassenräumen. Langfristige Bindungen büßen jedoch an Attraktivität ein. Viele Vereine finden keine Schatzmeister oder ehrenamtliche Jugendleitungen. Das führt dazu, dass die Vielfalt im Vereinswesen zurückgeht, viele Clubs sich nur noch um den Sport für Erwachsene kümmern, ohnehin große immer noch größer werden. Auch die Suche nach Trainerinnen und Trainern oder Unparteiischen wird schwieriger, gerade für untere Teams, eine D6 oder C4.

Die Gründe sind vielfältig. Einerseits gibt es einen Rückzug ins Private, andererseits ist es der Arbeitsmarkt, der den Vereinen zu schaffen macht. In vielen Regionen herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Weil Fachkräfte fehlen, führt das zu Überstunden, die mit dem Ehrenamt konkurrieren. Selbst Studierende finden weniger Zeit, sie müssen arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren. Wer nach der Vorlesung fünf Stunden an der Kasse eines Supermarktes sitzt, um die steigenden Wohnungspreise zahlen zu können, kann nicht auf dem Fußballplatz stehen. Zwar gibt es Studien, die zeigen, dass Menschen, die immer nur auf ihren Vorteil bedacht sind, scheitern. Erfolgreich in Job und Privatleben sind diejenigen, die auch an andere denken. Doch in der Praxis genießen die Finanzierung von Miete, Ernährung und Urlaub eine höhere Priorität.

Pfingsten war ich auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing zur „Zukunft der Zivilgesellschaft“. Dort brachte Professor Edgar Grande, ein begeisterter Fußballfan, die zunehmende Zahl von Ichlingen ins Gespräch. Armin Käfer schreibt in der Stuttgarter Zeitung: „Ich ist das neue Wir. Jeder will, soll, muss etwas Besonderes sein. Selbstsuch wird von der Unsitte zur Tugend, Rücksichtslosigkeit zum Rollenmodell.“ Dazu passt die Studie von Doktorin Birthe Tahmaz, die Auswirkungen der Pandemie auf die Zivilgesellschaft untersucht hat. Im Lockdown waren plötzlich neue Kompetenzen gefragt: digitales Training, Bindung von Mitgliedern und Engagierten trotz fehlender Angebote, aber auch Durchhaltestrategien für die Coaches. Tahmaz zeigt, dass zu Beginn des Lockdowns 2021 kaum Engagierte kündigten. Im September war die Quote aber von 4 auf 14 % gewachsen, ein Anstieg von 350 % (!). Und noch eine Zahl alarmiert: Das Durchschnittsalter der Ehrenamtlichen einer sehr großen Wohlfahrtsorganisation liegt inzwischen bei 68.

Was folgt daraus? Wir müssen in eine Debatte um das Gemeinwohl und das Engagement einsteigen. In Zeiten von Pandemie, Krieg und Inflation braucht es eine breite gesellschaftliche Diskussion, die unseren Zusammenhalt stärkt. Die Sportverbände wären gut beraten, sich an die Spitze zu setzen. Dabei dürfen sie durchaus fordernder sein als bisher. Denn wenn der „Sportverein als Schule der Demokratie“ bezeichnet wird, kann diese Institution gar nicht genug gefördert werden. Gleichwohl sind die Kassen leer, obwohl für elitäre Großprojekte immer noch genug Geld da ist.

Alleine wird der Staat die Misere nicht lösen können. Es braucht neue, lokale Allianzen. Hier ist nicht zuletzt die Wirtschaft gefordert. Fußballvereine bieten Potenzial: für die Gewinnung von Fachkräften, für die Vermittlung von Soft Skills, für die Aufwertung des Standorts, für die Förderung der Gesundheit. Förderung oder Sponsoring sollte sich vor allem auf die Stärkung der Struktur konzentrieren, weniger auf einzelne Projekte oder gar die Bezahlung von Spielern. Nur wenn die Rahmenbedingungen im Verein stimmen, können Maßnahmen gelingen, kann sich nachhaltig sportlicher Erfolg einstellen.

Vereine sind gleichwohl gut beraten, sich gegenüber Förderern offen zu zeigen, wenn es um die Entwicklung von Perspektiven geht. Denn am Ende wollen alle einen Mehrwert, brauchen alle das Gefühl einer Win-Win-Situation. Apropos nachhaltig: In der Zukunftscharta Grüner Hirsch, die wir mit Unternehmen, Politik und Verwaltung in unserem Bezirk erarbeitet haben, heißt der Slogan: „Kurze Wege in die Zukunft“. Die großen Verbände und die überregionale Politik darf man nicht aus der Verantwortung entlassen, doch die Solidargemeinschaft entsteht am besten vor der Haustür.

Links:
https://www.bz-berlin.de/meinung/kolumne/berliner-helden/wir-amateursportler-brauchen-neue-allianzen

https://www.ziviz.de/sites/ziv/files/engagement-barometer_corona_erste_panelbefragung.pdf

https://www.kicker.de/dfb-sieht-aufschwung-nach-corona-neuendorf-frauen-zahlen-alarmierend-906283/artikel

Share this post

Schreibe einen Kommentar